Dehnübungen mit dem Pferd

Hintergrund: Wie funktionieren Dehnübungen?

Bevor Dehnungsübungen durchgeführt werden, wird im Pferde-Check durch gezielt abgefragte Übungen und Reflextests die natürliche Beweglichkeit und Balancefähigkeit des Pferdes getestet. Der Therapeut erkennt dabei vor allem Muskelverkürzungen, Gelenksblockaden, Steifheiten, Gleichgewichtsprobleme und Bewegungseinschränkungen.

Während der Therapie werden dann die festgestellten Probleme durch gezielte Dehnungsübungen verbessert und beseitigt. Man unterscheidet allgemein zwischen aktiver und passiver Dehnung.

Die passive Mobilisation besteht darin, einer bestimmten Körperregion eine genau definierte Bewegung abzuverlangen. Diese Bewegung wird vom Therapeuten durchgeführt, d.h. das Pferd wendet dabei keine eigene Muskelkraft auf. Die aktive Mobilisation ist eine willentliche Bewegung oder ein Reflex, die das Pferd selbst ausführt. Diese Übung wird durch den Therapeuten geleitet, das Pferd wendet aber eigene Muskelkraft auf. Dies kann erreicht werden durch manuelle Reizung bestimmter Reflexpunkte des Pferdes, oder durch das Abverlangen bestimmter Übungen an der Longe oder unter dem Reiter.

Dehnübungen bei der Pferdephysiotherapie

Die Grenzen der Bewegungen hängen von der Behandlungstechnik, der Bereitschaft des Pferdes und dem Grundtonus (Grundspannung) in anatomischen Strukturen (Kapseln, Bändern, Muskeln) ab.

Die Dehnbarkeit eines Muskels ist abhängig vom Anteil des Muskelbauches und dem Anteil der Sehne (Ansatz und Ursprung des Muskels). Die Dehnfähigkeit des Muskelbauches beträgt dabei ca. 90 % und die der Sehne nur ca. 10 %. Außerdem ist die Elastizität einer Struktur abhängig vom bindegewebigen Anteil der bei jeder Muskelgruppe unterschiedlich ist. Der bindegewebige Anteil ist der Struktur des Sehnen- und Bändergewebes sehr ähnlich und beeinflusst dementsprechend die Dehnfähigkeit der einzelnen Muskeln. Da bei der gewöhnlichen Arbeit des Pferdes nicht alle anatomischen Strukturen ausreichend unter Spannung gesetzt und gedehnt werden, ist es notwendig, durch bestimmte Übungen den Mangel an Bewegung in diesen Regionen auszugleichen. Durch Dehnungen werden die physiologischen Grenzen der jeweiligen Körperstruktur erreicht und/oder erweitert.

passive Mobilisation: Dehnübung für den Pferdehals

Um einen Nutzen einer Dehnübung zu erreichen, muss die Übung ausreichend häufig wiederholt werden und ausreichend lange durchgehalten werden. Dehnübungen sollen außerdem die Bewegungsamplitude des Pferdes verbessern, d.h. eine große Bewegungsamplitude verbessert die Schrittlänge, die Effizienz des Vorwärtsschubs und die Abfederung in den distalen Extremitäten. Diese Punkte und die Koordination und Geschmeidigkeit der Gänge sind wichtig, um die Gelenksbelastung möglichst gering zu halten. Da die Bewegungen, die im sportlichen Einsatz gefordert werden, üblicherweise eher schnell und in ihrer Amplitude begrenzt sind, werden bei Dehnungsübungen in der Regel länger andauernde weitausgreifende Bewegungen verlangt. Sie führen dazu, dass es zu einer Verlängerung der Muskelfasern kommt, der venöse Abfluss gefördert wird und sich so die Bewegungsamplitude vergrößert.

Als Folge einer Verletzung oder eines Schmerzzustandes kommt es häufig zu einer starken Reduktion der Bewegungsamplitude. So folgt auf die verminderte Amplitude eine muskuläre Steifheit, woraus eine Retraktion der Bänder und Muskeln entsteht. Wenn dieser Zustand länger bestehen bleibt, kommt es zu einer propiozeptiven Anpassung, d.h. Muskelspannung, Muskelfaserlänge, Gelenkstellung usw. passen sich an die neue Situation an. So entsteht eine Fehlhaltung oder eine Schonhaltung des Pferdes.

Wann werden Dehnübungen beim Pferd eingesetzt?

Dehnübung, passive Mobilisation am Hinterbein eines Pferdes

Im Zuge der Prävention eignen sich Dehnungsübungen gut um die Leistungsfähigkeit und Koordination zu steigern und über eine gute Flexibilität in proximalen Körperregionen (Schulter, Buggelenk, Rücken, usw.), eine Entlastung der distalen Körperregionen (Karpus, Fessel usw.) zu erreichen.

So steht bei der präventiven Mobilisierung das Ziel der Verringerung des Verletzungsrisikos für Sehnen und distale Gelenke an erster Stelle. Bei der Therapie von Pferden mit Verletzungen oder Störungen des Bewegungsapparates sind folgende Ziele entscheidend:

  • Muskelsteifheit und Retraktion von Kapseln und Bändern zu begrenzen, und falls vorhanden zu verbessern
  • Das Risiko zu vermindern, das die bestehende Verletzung der distalen Gelenke sich verschlimmert
  • Die Entwicklung der Toleranzgrenze der jeweiligen Struktur und diese zu kontrollieren und gegebenenfalls zu verbessern

Effekte von Dehnungsübungen:

  • Erhöhung der Bewegungsamplitude
  • Verbesserung der Koordination der Gänge und Koordination der sportlichen Bewegungsabläufe
  • Verbesserung der Schrittlänge, des Vorwärtsschubes der Vor- und Hinterhand, Verbesserung des Gleichgewichtes während der Bewegung, Tonisierung und Detonisierung der Muskulatur
  • Positive Propiozeptive Anpassung durch Training der jeweiligen Körperstruktur
  • Die Dehnung von Kapseln und Bändern verbessert die Elastizität und steigert die Toleranz gegenüber vermehrten Spannungsbelastungen während sportlicher Belastung
  • Erhöht die Länge und Elastizität der einzelnen Strukturen (Verbesserung der Viskoelastizität)
  • Anregung der Blut- und Sauerstoffversorgung
  • Förderung der Gelenkschmierung
  • Entspannung des Nervensystems führt zu einer Schmerzlinderung

Um Dehnungsübungen durchzuführen sollten bestimmte Grundlagen erfüllt sein:

  • Die Übungen sind langsam, weit ausgreifend (wobei immer die größtmögliche Dehnung angestrebt werden sollte) und länger anhaltend (10-30 sek) auszuführen
  • Um die Symmetrie des Körpers einzuhalten, müssen die Übungen immer auf beiden Seiten ausgeführt werden. Durch diesen Umstand können evtl. Asymmetrien ausgeglichen werden
  • Dehnungen (aktiv und passiv) sollten nach ausreichender Aufwärmung des Pferdes und nur mit gutem anatomischen Wissen durchgeführt werden
Kontakt:
Pferdephysiotherapeutin
Jessica Wiele
Telefon: 02183 - 41 47 68
Mobil: 0172 - 83 71 21 6
EMail: jessica.wiele@equiphysio.de
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